Karfreitagsgrill legt Scheibe auf: Reinhard Mey – Sei wachsam

Seit wir „Sei wachsam“ von Reinhard Mey aus seinem Album „Leuchtfeuer“ aus dem Jahr 1996 kennen, verdient dieser Mann unsere größte Hochachtung. Wir sind zugegebenermaßen nicht gerade große Kenner seiner Werke, aber spätestens mit diesem Text hat er sich in die Herzen des Karfreitagsgrill-Weckdienstes gesungen. 😉

Dazu trägt auch die folgende Geschichte wesentlich bei: Mey moderierte von 1987 bis eben 1996 die Sendung „Songs an einem Sommerabend“ im Bayerischen Rundfunk. 1996 verbot ihm dieser die Aufführung dieses Liedes während der Sendung, anscheinend hauptsächlich wegen der Textzeile
„Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt’ sie arm!“
Daraufhin verweigerte Reinhard Mey dem Staatssender für mehrere Jahre seine Tätigkeit – Applaus, Reinhard!


Videolink https://youtu.be/Xi6MBzaJ8-E

Nachtrag: Ein Leser hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Video in Deutschland gesperrt wurde – hier in Österreich ist es allerdings problemlos zu sehen. Wir haben es gerade wegen der sehr gut zum Text passenden, „frechen“ Bilderstrecke ausgewählt, aber offensichtlich ist genau diese der Grund für die Sperre. Darum hier zusätzlich die von Dirk vorgeschlagene Live-Version des Liedes, in der Reinhard Mey einleitend ein paar wahre Worte sagt – das eigentliche Lied beginnt ungefähr bei Minute 2:45.


Videolink https://youtu.be/BVpnrTkQqTI

Liedtext (Lyrics):

Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen
sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen,
die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen,
die dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen.

Und ich denk mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
ist ein Schritt nach ewig-gestern, ist ein Schritt zurück,
wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen;
sie nennen es Volk – aber sie meinen Untertanen.

All das Leimen, das Schleimen ist nicht länger zu ertragen,
wenn du lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen.
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
„Halt du sie Dumm, ich halt sie Arm!“

Sei wachsam, präg dir die Worte ein,
sei wachsam, und fall‘ nicht auf sie rein,
pass auf, dass du deine Freiheit nutzt,
die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.
Sei wachsam, merk dir die Gesichter gut,
sei wachsam, bewahr dir deinen Mut,
Sei wachsam, und sei auf der Hut!

Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten alten Werten,
ihre guten alten Werte sind fast immer die verkehrten,
und die, die da so vorlaut in der Talkrunde strampeln,
sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln.
Der Medienmogul und der Zeitungszar
sind die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar.
Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und nach Sitten,
doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.

Verdummung, Verrohung, Gewalt sind die Gebote,
ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.
Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht,
so viele gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

Sei wachsam, präg dir die Worte ein,
sei wachsam, und fall‘ nicht auf sie rein,
pass auf, dass du deine Freiheit nutzt,
die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.
Sei wachsam, merk dir die Gesichter gut,
sei wachsam, bewahr dir deinen Mut,
Sei wachsam, und sei auf der Hut!

Es ist ’ne riesen Konjunktur für Rattenfänger,
für Trittbrettfahrer und Schmiergeldempfänger,
’ne Zeit für Selbstbediener und Geschäftemacher,
Scheinheiligkeit, Geheuchel und Postengeschacher.
Und die sind alle hoch geachtet und anerkannt,
und nach den schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt,
man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber lässt man laufen,
kein Pfeifchen Gras, aber ’ne Giftgasfabrik kannst du dir kaufen!

Verseuch‘ die Luft, verstrahl‘ das Land, mach ungestraft den größten Schaden,
nur lass dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
Man packt den Grünfried und das Umweltschwein genießt Vertrauen
und die Polizei muss immer auf die Falschen drauf hau’n!

Sei wachsam, präg dir die Worte ein,
sei wachsam, und fall‘ nicht auf sie rein,
pass auf, dass du deine Freiheit nutzt,
die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.
Sei wachsam, merk dir die Gesichter gut,
sei wachsam, bewahr dir deinen Mut,
Sei wachsam, und sei auf der Hut!

Wir haben ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantieren,
was hilft’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulier’n?
Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln,
und unter’m Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich,
Abteilung kehrt, im Gleichschritt, Marsch, ein Lied und heim ins Reich!
Nie wieder soll von diesem Land Gewalt ausgehen,
wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen.

Rein humanitär natürlich, und ganz ohne Blutvergießen,
Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen,
sie zieh’n uns immer tiefer rein, Stück für Stück,
und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück!

Sei wachsam, präg dir die Worte ein,
sei wachsam, und fall‘ nicht auf sie rein,
pass auf, dass du deine Freiheit nutzt,
die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.
Sei wachsam, merk dir die Gesichter gut,
sei wachsam, bewahr dir deinen Mut,
Sei wachsam, und sei auf der Hut!

Ich hab Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
und verschon‘ mich mit den falschen Ehrlichen,
die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen.
Ich habe Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
nach ’nem bißchen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.
Doch sag die Wahrheit, und du hast bald nichts mehr zu lachen,
sie werden dich ruinieren, exekutieren und mundtot machen!

Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen!
Wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen!
Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:
„Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd!“

Sei wachsam, präg dir die Worte ein,
sei wachsam, und fall‘ nicht auf sie rein,
pass auf, dass du deine Freiheit nutzt,
die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.
Sei wachsam, merk dir die Gesichter gut,
sei wachsam, bewahr dir deinen Mut,
Sei wachsam, und sei auf der Hut!

 

2 Kommentare:

  1. Da der Link wegen der GEMA und Tralala leider nicht funktioniert, nehmt doch einfach diesen hier:



    Ist zwar LIVE und etwas länger wegen seinen Vorworten, aber ab 2:47 Min. geht der Song langsam los und immerhin haben dieses Video wohl schon 1.589.106 Menschen angeklickt.
    Liebe Grüße sendet Dirk Scharnbeck
    und Danke Dir Joe für diese Seite sowie Dein Wirken.

    • Hallo Dirk, hier in Österreich ist das Video problemlos zu sehen, wir hätten das ohne Deinen Hinweis nicht bemerkt – vielen Dank! Wir haben dieses Video wegen der sehr gut zum Text passenden Bilderstrecke ausgewählt, werde jetzt Deinen Link oben zusätzlich einbinden.

      Danke auch für die netten Worte – allerdings hat Joe mit unserem Blog eigentlich nichts zu tun, er ist uns aber ein lieber Freund geworden. Selber aktiv ist er fast ausschließlich auf seiner Facebook-Seite, die in der Seitenspalte rechts unter „Freunde & Verwandte“ verlinkt ist.

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