Das Märchen vom zehnten Bauern

von Johanna Paungger-Poppe und Thomas Poppe

ZehnterBauer_Bild01Es war einmal, keine tausend Meilen von hier, da lebte ein Bauer, der weithin dafür bekannt war, außergewöhnliche und ganz eigene Wege zu gehen. Gesegnet mit besonderen Fähigkeiten, mit der Gabe des Weitblicks und des Tiefblicks konnte er alle Dinge gleichsam „zusammen“ sehen – Sommer und Winter, nasse Felder und trockene Steppen, reiche Ernten und magere Jahre, Nutzpflanzen und Schädlinge. Hinter allen Gegensätzen und Widersprüchen erkannte er die Einheit, das Verbindende, den verborgenen Sinn hinter dem scheinbar Sinnlosen. „Das Glück im Unglück“ war ihm vertraute Wirklichkeit.

Sein Tun war beseelt von einer tiefen Liebe zu allem, was lebte und wuchs, was atmete und reifte. „Natur“ war für ihn nur ein anderes Wort für „Geschenke Gottes“. Das Wort „Machet Euch die Erde untertan“ hatte er stets verstanden als Aufforderung zu Miteinander und Dankbarkeit – nicht als Weisung, Mensch und Natur zu unterwerfen.

Er war stolz darauf, als Bauer leben zu dürfen, und empfand es als Geschenk, als fast unverdientes Privileg, aller harten Arbeit zum Trotz. Das Gefühl bevorzugter Behandlung durch das Schicksal bezeugte er im Alltag durch große Bescheidenheit und unaufdringliche Freundlichkeit. Er war ein Ruhepol mitten in einem unruhigen Meer, das bang darauf wartete, ob der Sturm am Horizont sich verziehen würde – oder doch nicht. Er war mit sich im Reinen.

Eine grenzenlose Neugier auf alle Dinge zwischen Himmel und Erde feuerte ihn an – wie sie uns doch allen zu eigen ist, wenn wir ihr nur Raum zur Entfaltung geben. „In hundert Jahren haben wir genug Zeit zum Schlafen“, sagte er seiner Familie stets, wenn alle wieder einmal große Augen machten, weil er etwas Neues ausprobierte – eine besondere Züchtung, eine neue Technik, eine neue Anwendung für altes Wissen.

Manchen Menschen, die ihn nicht so gut kannten, war er ein wenig unheimlich, denn er konnte offenbar in vieler Hinsicht in die Zukunft blicken. Vor allen Dingen konnte die Wirklichkeit hinter dem Schein, das Echte hinter den Kulissen erfühlen, die Wahrheit hinter den Lügen und der Propaganda erkennen. Diese Fähigkeit war ihm selbst ein wenig rätselhaft, denn sie offenbarte sich fast immer als leise Stimme in seinem linken Ohr. Diese leise Stimme übersetzte dem „Zehnten Bauern“ (wie wir ihn nennen wollen) unmittelbar und mit einfachen Worten, was das jeweilige Gegenüber in Wahrheit sagen wollte. „Meinen kleinen Übersetzerfreund“ nannte er diese Stimme, wenn er mit ihr sprach. Sie gab ihm auch das Gefühl, die unsichtbaren Fäden sehen zu können, an denen andere Menschen hingen, wenn sie Lügen verbreiteten oder wenn sie gesteuert von unsichtbaren Auftraggebern oder Herrschern ihre Reden schwangen. War der jeweilige Gesprächspartner aufrichtig, dann schwieg der Übersetzer – oder er murmelte leise: „Das ist aber schön!“ Bekam der Bauer Lügen oder unlogisches Geplapper zu hören, dann half ihm die Stimme augenblicklich, das Gehörte richtig zu verstehen. Das war manchmal recht lustig, weil der kleine Freund im Ohr sofort loslegte, beispielsweise wenn jemand einen Satz mit „Sie haben recht, aber…“ begann. Regelmäßig murmelte die Stimme sofort: „Er meint: Nein!“

Oftmals stimmte der Übersetzerfreund den Bauern etwas bekümmert, gerade weil er die eigentlichen Motive seines Gegenübers erfuhr – hinter den schönen Worten. Er konnte nicht zum Metzger gehen, der ihn freundlich mit „Guten Morgen! Wie geht‘s Dir heut?“ begrüßte, ohne dass der Übersetzer sofort seine Verständnishilfe gab: „Er sagt: Hoffentlich kauft der Geizhals diesmal etwas mehr als sonst…“ Manchmal wünschte sich der Bauer, der Freund in seinem Ohr möge sich hin und wieder Urlaub gönnen. Aber der Übersetzer blieb sein Schicksal und sein treuer Gefährte, auf den er sich immer verlassen konnte.

Unsere kleine Geschichte beginnt, als sich eines Tages alle zehn Bauern des Großen Tals im Dorfwirtshaus versammelten, um der Einladung eines fliegenden Händlers zu folgen und dessen Vortrag zu hören. Auch unser Freund, der zehnte Bauer, war gekommen, neugierig darauf, was es in der Welt Neues gäbe. Der städtisch elegant wirkende Fremde stellte sich vor als DER VERTRETER und er sei gekommen, um den Anbruch einer gesegneten „neuen Zeit“ zu verkünden und den Landwirten in dieser verträumten, fast vergessenen Weltenecke zur Seite zu stehen, damit auch der Bauernstand am allgemeinen Fortschritt der Menschheit teilhabe.

Er stellte sich vor die Bauern, neben sich ein Tisch, auf dem das offenbar einzige Utensil ruhte, das er mitgebracht hatte – ein tiefschwarz glänzender, auf den Kopf gestellter Zylinderhut. Anflüge von Neugier, verschlossene Skepsis, gespielte Gelassenheit – all das stand in den Gesichtern der Bauern zu lesen. Bevor noch das erste Wort gesprochen wurde, tauchte der Vertreter die Hand tief in den Hut und zog einen schweren Papiersack heraus, der wohl seine 20 Kilo auf die Waage brachte. Mit geübtem Schwung riss er ihn auf, schöpfte eine Handvoll bläulich schimmernder, streng riechender Körnchen hervor, blickte triumphierend in die Runde und summte mit sanftem, bedeutungsschweren Bariton: „Meine Herren, wir haben die Endlösung all Ihrer Probleme … Kunst-Dünger!“

In diesem Augenblick erhob der Übersetzerfreund seine Stimme im Kopf des zehnten Bauern und murmelte eindringlich: „Er meint: Ich habe die Endlösung für meine eigenen Probleme und die meiner Herren! Fast Food für Ihre Pflanzen.“

Neun Bauern hörten reglos zu, der „zehnte Bauer“ legte den Kopf leicht auf die Seite. Nach fein dosierter Kunst-Pause fuhr der Vertreter fort: „Ein magischer Stoff, das Zaubermittel der neuen Zeiten – es lässt Ihre Feldfrüchte fast doppelt so schnell wachsen, fast doppelt so groß werden und Ihren Gewinn nicht verdoppeln, – nein, verdreifachen! Ja, Sie können damit jetzt sogar zweimal im Jahr die Ernte einfahren! Oh ja, natürlich hat er seinen Preis, aber bei diesen goldenen Aussichten werden Sie sich doch die paar Silberlinge nicht reuen lassen. Und damit werden wir obendrein das Problem des Hungers in der Welt lösen!“

Der Übersetzer meldete sich sofort und flüsterte dem zehnten Bauern ins Ohr, was der Vertreter in Wahrheit gesagt hatte: „Wir haben es hergestellt, also möchten wir es auch verkaufen. Und das am liebsten in jedem Jahr mehr und mehr. Nichts sonst interessiert uns.“

Neun Bauern flüsterten untereinander, bekamen glänzende Augen und rieben sich die Hände. Der zehnte Bauer jedoch stand auf und bat ums Wort. Mit ruhiger, fester Stimme sagte er: „Die Natur liebt uns und sorgt für uns, wie jeder von uns täglich erleben darf. Zwangsernährung und Überfütterung der Pflanzen, die Sie uns hier vorschlagen, haben ebenso zwangsläufige Folgen. Die Natur erkennt die übergroßen, schwachen und leblosen Früchte in ihrer Weisheit als Kunstprodukt, als krank und krankmachend. Sie wird in ihrer Weisheit und Großzügigkeit sofort aufstehen und sich in unserem Namen wehren. Sie wird genau angepasste Gegenmaßnahmen ergreifen und viele Pflanzen und Tierchen schicken. Was wir „Unkraut“ und „Schädlinge“ nennen, soll für gesunden Ausgleich im Boden und in unserem Körper sorgen und solche Früchte ausrotten. Warum also einen solchen Krieg gegen die Natur beginnen, wenn wir Ursache und Folgen jetzt schon kennen?“

Die neun Bauern rutschten unbehaglich hin und her, die unverblümte Rede des zehnten Bauern war ihnen etwas peinlich. Der Vertreter aber setzte ein mildes Lächeln auf und sagte: „Keine Sorge, lieber Herr, das wissen wir längst, dafür ist vorgesorgt“. Er griff wiederum tief in den Zylinder hinein und zog mehrere Dosen, Tüten und Sprays hervor, deren Etiketten wenig Großgedrucktes, viel Kleingedrucktes und jeweils einen kleinen Totenkopf aufwiesen. „Damit vernichten Sie alle Schädlinge und Unkräuter in Nullkommanix, die Euch der Früchte der Mühen und Investitionen berauben wollen. Sparsam in der Anwendung, kostengünstig in der Anschaffung!“

Der Übersetzer zögerte keine Sekunde und stellte die Worte des Vertreters richtig: „Wir schaffen ein Problem, wir verdienen am Problem, wir suchen eine Lösung, wir verdienen an der Suche nach der Lösung, wir bekämpfen das Symptom, wir verdienen an der Symptombekämpfung, wir schaffen neue Probleme, wir verdienen an der Lösung der neuen Probleme. Viel Geld, viel Umsatz!“

Neun Bauern murmelten anerkennende Worte angesichts von Weisheit und Voraussicht. Der zehnte Bauer aber sprach: „Solchermaßen gezogenen Feldfrüchten fehlt jegliches innere Leben, das der Mensch braucht. Es fehlt an allem, diese Früchte sind nicht nur keine Lebensmittel, sie sind auf Dauer Gift.“

Der Vertreter hatte sich offenbar gut vorbereitet und nur auf diese Worte gewartet. Er griff in den Zylinder und zog eine Handvoll bunter Döschen und Schachteln heraus: „Aber kein Problem! Dieselben großartigen Firmen, die Ihnen die Düngemittel und Pestizide liefern, haben jahrzehntelang brillante Forschungsarbeit geleistet. Sie haben wunderbare Nahrungsergänzungsmittel entworfen, die alle Mängel ausgleichen. Und so fügt sich alles in schönster Ordnung: Sie können Ihre Preise niedrig halten, bleiben konkurrenzfähig und schaffen obendrein noch viele Arbeitsplätze in der chemischen Industrie. Das lässt einen doch mit ruhigem Gewissen schlafen, oder?“

Der Übersetzer tat seine Arbeit und meldete die wahren Worte des Vertreters und seiner Auftraggeber: „Wir haben jahrzehntelang brillante Forschungsarbeit geleistet und Nahrungsergänzungsmittel entworfen, die den Mangel, den wir selbst erzeugen, ausgleichen. Mittel, die zusammenfügen, was wir zerstört haben. Das schaffen sie aber niemals ganz, weiterer Mangel ist eingebaut. Wir wissen genau, wie aus Mangel und Müdigkeit Gold wird. Unser Gold, Eure Betäubung.“

Neun Bauern nickten zustimmend – und reagierten etwas ungehalten, als der zehnte Bauer wieder das Wort ergriff und zu bedenken gab: „Alle diese Pestizide sammeln sich in den Erntefrüchten, in der Erde, im Wasser, in der Luft, in den Tieren, im Körper des Menschen und machen uns krank. Die Nahrungsergänzungsmittel kann der Körper mit wenigen Ausnahmen gar nicht erkennen, der Mangel bleibt und macht den Körper dick und süchtig bei seinem ständigen Versuch, aus den leeren Früchten das Lebendige herauszuholen.“

Der Vertreter nickte verständnisvoll, zog einen riesigen Sack voll bunter Medikamentenpackungen aus dem Zylinder und sprach gönnerhaft: „Ist bekannt, ist erledigt, ist vorgesorgt, werter Herr. Die Firmen, die Ihnen die Düngemittel, Pestizide und Nahrungsergänzungen bringen, die sind nicht faul gewesen. Sie haben keine Mühen und Kosten gescheut und in langjähriger und kostspieliger Forschungsarbeit herausgefunden, wie man mit all den kleinen Wehwehchen und Allergien und dem Übergewicht fertig wird. Sie sehen, wir haben an alles gedacht!“

Sein Gesicht strahlte jene Freude aus, die empfindet, wer seine Arbeit gut macht, wer in ihr aufblüht und sicher ist, der Menschheit Gutes zu tun.

Laut Übersetzer waren dies die eigentlichen Worte des Vertreters: „Wir verdienen an der Zerstörung, wir verdienen am Aufbau, wir bauen aber nur halb und in mangelhafter Qualität auf, weil wir dann an den ständigen Reparaturen verdienen. Symptombekämpfung – das ist das Zauberwort!“

Die neun Bauern spürten diese innere Kraft und waren’s zufrieden. Der zehnte Bauer sagte mit leiser, aber fester Stimme: „Ihre Medizin kuriert nur die Symptome der Krankheiten, gesund wird davon niemand, obendrein bringen uns die Nebenwirkungen um. Warum teuer kurieren, wenn krank werden so leicht zu vermeiden wäre?“

Des Vertreters Hand war schon im Zylinder verschwunden, noch bevor der zehnte Bauer seinen Satz beendet hatte: „Hier sind die neuen Medikamente, die alle Nebenwirkungen der alten Medikamente im Schach halten und ausmerzen – teilweise noch bevor sie überhaupt auftreten!“ rief er triumphierend in die Runde.

Der Übersetzer wurde nicht müde, des Vertreters wahren Worte zu verkünden: „Wir verdienen an der Zerstörung, wir verdienen am Aufbau, wir bauen nur halb auf, weil wir dann an den ständigen Reparaturen verdienen“.

Bevor noch der zehnte Bauer Luft holen konnte, griff der Vertreter noch einmal in den Zylinder und holte ein allerliebstes kleines Holzmodell hervor, bunt bemalt und kunstreich handgefertigt. Es zeigte auf der linken Seite eine wunderbar vielfältige, kleinbäuerliche Landschaft, wie sie bei uns einst das Land zierte, und auf der rechten Seite das Land, wie es der Vertreter anzubieten hatte – ein Vorher-Nachher-Modell sozusagen. Die Vorher-Seite schmückten gewundene glitzernde Bäche, übervoll mit Krebsen und Fischen, gesäumt von Bäumen und Sträuchern, ein fröhlicher Flickenteppich vielfarbiger Felder, mit Wäldchen, Lichtungen, Steinhaufen, Hecken usw. Ein kleines Paradies. Die andere, die moderne, fortschrittliche Nachher-Seite wies dagegen nur wenige große Flächen auf, schnurgerade betonierte Wasserläufe, asphaltierte Wege, rechte Winkel, große Traktoren, deren Gewicht Feld- und Waldböden tief durchfurchte und verletzte, Einförmigkeit, so weit das Auge reichte.

„DAS ist die wunderbare Zukunft! Große Flächen für schnelles und leichtes Arbeiten, Raum für große Maschinen, viel höhere Erträge! Und nebenbei bemerkt: Ihre Mondkalender können Sie dann auch zum Altpapier werfen. Sie müssen nicht mehr auf Natur- und Mondrhythmen horchen, in ein paar Jahren landen sie im Reich des Altmodischen und des Aberglaubens.“

Der Übersetzer tat seine Arbeit sofort und stellte den Vertreter ins rechte Licht: „Wir verdienen an der Zerstörung, wir verdienen am Aufbau. Das Wissen um die Mondrhythmen ist Schnee von gestern! Chemie und Industrie können es sich leisten, deren Einfluss zu ignorieren. Weil ja für alle Schadensfälle vorgesorgt ist. Narrensicher, dieses System: Wir verdienen am Erfolg, wir verdienen am Misserfolg.“

Und noch einmal griff er in den Zylinder und zog staatliche Förderungsgenehmigungen in Milliardenhöhe und zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen hervor, die Wert und Sinn dieser Eingriffe und Veränderungen, der Flurbereinigungen und Flussbegradigungen und Kahlschläge exakt begründeten und „bewiesen“ – ohne Zweifel zuzulassen und mit wissenschaftlichen Begriffen, für die momentan leider kein Übersetzer bereit stand.

Neun Bauern saßen mit leuchtenden Augen da – und ärgerten sich, als der zehnte Bauer wieder das Wort ergriff: „Was ist mit der unvermeidlichen Bodenabtragung und -zerstörung, mit der Übersäuerung, die das fruchtbare Land in Wüste verwandelt, was ist mit den zwangsläufigen Überschwemmungen, den gravierenden Folgekosten für Maschinenwartung, für Katastrophenschutz und Schadenbehebung, ganz zu schweigen von der Zerstörung des Lebensraums für die Tiere?“

„Kein Problem!“ sagte der Vertreter unbeirrt. „Die Wissenschaft hat selbstverständlich hart gearbeitet, um auch all diese Dinge in den Griff zu bekommen.“

Ohne Zögern machte der Übersetzer die wahren Gedanken des Vertreters und der Marionettenspieler im Hintergrund klar: „Wir schaffen das Problem und verdienen daran, wir arbeiten an der Lösung und verdienen daran, wir zögern eine echte Lösung so lange wie möglich hinaus, und verdienen daran.“

Und noch einmal griff er in den Zylinder und zog staatliche Unterstützungszusagen in Milliardenhöhe und zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen hervor, die den Sinn der Renaturierung der Bäche und Flüsse, die Aufhebung der Flurbereinigung exakt und ohne Zweifel zuzulassen bewiesen, mit Worten, die keiner der Bauern verstand. Zusätzlich verteilte der Vertreter Formulare für spezielle Kreditanträge, die ein halbes Prozent niedriger waren als derzeit üblich.

Der zehnte Bauer sagte mit fester Stimme: „Wenn wir so wirtschaften, zerstören wir auch das Grundwasser! Woher kommt dann sauberes Wasser?“

Der Vertreter lachte laut auf: „Sie werden doch nicht glauben, dass wir nicht auch dafür eine Lösung haben! Sie ist einfach genial und genial einfach: Nach intensiven Forschungen und Studium unserer Statistiken haben wir einfach die Grenzwerte für Gifte im Wasser erhöht! Wir haben nämlich festgestellt, dass ohnehin nur einige wenige, besonders empfindliche Personen, meist Kinder, auf das minimal belastete Wasser reagiert haben. Ja, und dann gibt es immer noch diese Möglichkeit!“ und er zog ein schweres und kompliziert gebautes Wasserreinigungsgerät aus dem Zylinder, mit dem sich jedes Wasser unter viel Energieaufwand in eine leblose, keimfreie Flüssigkeit verwandeln ließ.

Mit schon beinahe gelangweilter Stimme trug der Übersetzer die Wahrheit in den Worten des Vertreters vor: „Wir schaffen das Problem und verdienen daran, wir arbeiten an der Lösung und verdienen daran, wir zögern eine echte Lösung so lange wie möglich hinaus, und verdienen daran. Dass keimfreies Wasser lebloses Wasser ist, braucht niemand zu wissen.“

Der zehnte Bauer sagte: „Bei dieser Bewirtschaftungsmethode werden sich gefährliche resistente Bakterienarten entwickeln, die gegen alle Pestizide und Antibiotika immun sind.“

Der Vertreter nickte nachsichtig und sagte großmütig: „Ich danke auch für diesen Einwand, aber das ist nun wirklich kein Problem! Unsere Gentechniker haben für diesen Fall ganz und gar neue Kulturpflanzen entwickelt, die sicherlich keine Krankheiten mehr bekommen werden, wie alle Forschungen und Freilandversuche zeigten. Und die Samen können Sie garantiert jedes Jahr neu bei uns erwerben!“

Der Übersetzer kannte kein Erbarmen und sagte wahrheitsgemäß, was der Vertreter verschwieg: „Wir schaffen ein riesiges Problem und verdienen gewaltig daran, wir arbeiten in ein paar Jahrzehnten an der Lösung und verdienen gewaltig daran, wir zögern eine echte Lösung so lange wie möglich hinaus, und verdienen absolut irre daran. Und das Schönste: Manche Schäden sind nicht rückgängig zu machen: DAS sind erst die Umsatzträger!“

Der zehnte Bauer: „Frühestens in dreißig Jahren kann sich zeigen, wie sich diese Pflanzen auf Umwelt, Mensch und Tier auswirken. Fast alle dieser Pflanzen haben sich als schädlich auch für Nützlinge erwiesen. Die Bienen verlassen uns jetzt schon! Warum dann heute ein solches Risiko eingehen?“

Der Vertreter winkte ab: „Aber wo bleibt der Pioniergeist, für den Sie bekannt sind? Kein Fortschritt ohne Risiko. Wenn es klappt, dann ist doch der Gewinn um ein Vielfaches höher als auf herkömmlichen Wegen, nicht wahr?“

Der Übersetzer machte kurzen Prozess und stellte des Vertreters Worte klar: „Appelliere an ihren Stolz, dann rollt der Rubel.“

Der zehnte Bauer warf ein: „Ob wir uns als Versuchskaninchen für dieses Experiment hergeben, sollte jedem Einzelnen überlassen bleiben.“ Der Vertreter: „Du meine Güte, wo bleibt denn da Ihre Menschenkenntnis? Dann würde doch keiner mitmachen! Nein, manchmal muss man die Menschheit zu ihrem Glück zwingen. Großer Vorteil nebenbei bemerkt: Gleichbleibende Qualität!“

Der Übersetzer wiederholte den tieferen Sinn hinter den Worten des Vertreters: „Appelliere an ihren Stolz, dann rollt der Rubel.“

Der zehnte Bauer blieb unbeirrt: „Wir können unser Saatgut nicht mehr selbst vermehren wie seit Jahrtausenden, sondern müssen die Hybridpflanzen immer wieder nachkaufen.“

Der Vertreter verzog keine Miene: „Das ist doch kein Problem, mein Lieber, der Nachteil ist Ihr Vorteil! Erstens bekommen Sie immer das neueste Modell aus unserer Genfabrik, diese Garantie haben Sie. Zweitens haben wir selbstverständlich mit unseren engen Freunden in den Banken gesprochen, die günstige Kredite für vorübergehende Notfälle anbieten. Eure Genossenschaften und Gewerkschaften stehen auch bei Fuß, um Euch zu unterstützen, das ist doch deren Sinn und Aufgabe, nicht wahr?“

Der Übersetzer murmelte des Vertreters eigentlichen Worte: „Appelliere an ihr Sicherheitsbedürfnis, dann rollt der Rubel.“

Der zehnte Bauer: „Diese unfruchtbaren, nicht vermehrbaren Pflanzen sind keine echten Lebensmittel, weil sie steril sind, ihre innere Lebendigkeit ist vernichtet worden. Sie schwächen den Menschen.“

Der Vertreter rief: „Gut, aber nicht zu Ende gedacht! Wir sind glücklicherweise dem Mittelalter entwachsen und neutrale Wissenschaftler haben dies zweifelsfrei als Aberglauben entlarvt.“

Der Übersetzer stellte klar, was der Vertreter zwar nicht sagte, aber meinte: „Für solche Einwände haben wir unsere von uns gut bezahlten Wissenschaftler, die das in unserem Auftrag zweifelsfrei als Aberglauben entlarven. Zwar spürt jeder am eigenen Leib, dass diese Studien nicht die Wirklichkeit wiedergeben, aber was jeder Laie sehen und fühlen kann, zählt in der Wissenschaft nichts – und das kommt uns gerade recht, nicht nur in diesem Fall.“

Ohne eine Antwort abzuwarten griff er wieder in den Zylinder: „Und hier der Stein der Weisen für die wackeren Tierzüchter unter Ihnen! Kein mühselig selbst angebautes Tierfutter mehr – stattdessen Superkraftfutter, sauberes Silofutter, Legebatterien und Power-Ställe.“ Wie Bauklötzchen purzelten Proben und kleine Stall-Modelle über den Tisch und ließen neun Bauern staunen und anerkennend raunen.

Der Übersetzer verdeutlichte die Worte hinter der Kulisse: „Der Vertreter meint damit, dass Ihr das Zeug kaufen sollt, und dann sitzt Ihr in seiner Falle! Denn dieses Futter macht die Tiere krank, es schwächt sie und obendrein macht es sie süchtig nach seinen Produkten!“

Der zehnte Bauer ließ nicht locker: „Wie steht’s dann mit der Qualität unserer Produkte, wenn wir so arbeiten? Die Tiere müssen ja dann mit vielen Medikamenten ruhig gestellt und behandelt werden. Wer kann dann noch verantworten, Fleisch und Milch als unbedenklich zu verkaufen? Wer bezahlt die Arztrechnungen der Käufer? Was ist mit den Tieren und ihrem Leben? Das sind fühlende, intelligente Wesen! Artgerechte Tierhaltung ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit, wenn wir menschenwürdig wirtschaften wollen!“

Der Vertreter blieb gelassen: „Ich sagte schon, dass wir gegen all diese Beschwerden großartige Medikamente entwickelt haben. Das Problem ist nur eingebildet. Sie können der Wissenschaft bedingungslos vertrauen.“

Der Übersetzer war zur Stelle und gab die wahren Gedanken der Arbeitgeber des Vertreters wieder: „Alles nicht der Rede wert gemessen an den enormen Profiten und Vorteilen! Dass die bleierne Müdigkeit, die alle Menschen nach Konsum solcher Nichtlebensmittel überfällt, von diesen Produkten stammt, weiß ja niemand. Es gibt ja eine Vielzahl von Abhilfen – vom Kaffee allüberall bis zu diversen frei verkäuflichen Drogen. Allesamt tolle Umsatzträger für dieselben Firmen, die Euch alle diese Segnungen bringen!“

Der zehnte Bauer seufzte und sagte mit leiser Stimme: „Als Rädchen in diesem Teufelskreis wird gewiss keiner von uns mehr ruhig schlafen können! Ich jedenfalls würde morgens nicht mehr in den Spiegel schauen können.“

Der Vertreter hatte auch darauf eine Antwort und holte einen großen Haufen bunter Hochglanzprospekte aus dem Zylinder und ein Krankenschein-Scheckheft, die er den Bauern zur Ansicht gab. „Wissen wir längst! Und haben gut vorgesorgt. Hier, damit Ihr auf andere Gedanken kommt. Zuviel Pessimismus ist doch ungesund! Das macht nur Falten!“ Und er lachte fröhlich und aufmunternd.

Der Übersetzer holte hörbar Luft und begann wiederum, die Worte des Vertreters verständlich zu machen: „Wir haben gut vorgesorgt. Unsere Werbeagenturen in aller Welt beweisen dem Konsumenten tagtäglich, dass der Zucker gesund ist, dass Euer Fleisch gesund ist und dass weißes Mehl und Milch gesund sind, dass Düngemittel und Pestizide unschädlich sind, dass Gentechnik und Klonen eine super Sache sind. Obwohl es längst Beweise für das Gegenteil gibt. Und nachdem es kaum noch Wissenschaftler gibt, die nicht von uns bezahlt werden, wird sich die Zahl der Studien, die die Wahrheit herausfinden, sehr in Grenzen halten und zudem kaum Verbreitung finden. Und wenn doch, dann werden sie einfach als lästig und überholt abgetan. Bei solch umfassender und intensiver Informationspolitik müsst Ihr lange suchen, bis sich jemand findet, der sich davon nicht beeindrucken lässt! Ja und was Eure Gewissensbisse betrifft, da haben wir die EU, die Bauerngewerkschaften und die Krankenkassen auf unserer Seite. Die bezahlen nicht nur die körperlichen Schäden durch die Anwendung der Pestizide und des Konsums Eurer eigenen Produkte, die bezahlen auch die nötige Seelenmassage, damit Ihr auf andere Gedanken kommt.“

Die neun Bauern waren’s zufrieden, der zehnte Bauer aber holte tief Luft: „Das ist bedingungslose Abhängigkeit, in die wir uns begeben sollen, das ist tiefste Sklaverei. Abhängigkeit von den Banken, von Politikern, die noch nie einen Bauernhof besucht haben, von Wissenschaftlern, von der Pharmazie, von staatlichen Förderungen, von den Saatgut-Herstellern, von den Maschinenbau-Firmen, von Subventionen, von Pensionszahlungen, von Krankenkassen, von Tierärzten, von Psychotherapeuten, die unser schlechtes Gewissen beruhigen müssen. Niemand ist dann mehr sein eigener Herr!“

Der Vertreter schlug kurz die Augen nieder: „Warum so schwarz sehen? Wir sehen hier Sicherheit und Fortschritt. Ich sehe Vernetzung, Globalisierung und fröhliches Miteinander zum Nutzen aller. Man wird sich von allen Seiten um Sie kümmern und für Ihr Wohlergehen sorgen! Schließlich sorgen Sie ja als Gegenleistung für unser aller tägliches Brot und sichern obendrein zahllose Arbeitsplätze!“

Der Übersetzer kam ein letztes Mal zu Wort, um des Vertreters verborgene Absichten ans Licht zu bringen: „Ja schon gut, Sie haben ja recht. Aber wen interessiert das schon? Außerdem brauchen wir Zucker, Weißmehl und Milchpulver, um das wertlose Zeug in Entwicklungsländer zu schicken und so deren körperliche und geistige Abhängigkeit zu zementieren. Wäre ja sonst alles viel teurer bei uns!“

Den letzten Satz sprach der Vertreter mit einem leichten Zittern der Rührung und des Pathos in der Stimme, so dass sich neun Bauern sehr geschmeichelt fühlten. Es waren ja sie, die diesen wunderbaren Kreislauf, dieses System der Beschaffung von Stopfblähfüllmitteln, Geld und Arbeitsplätzen am Leben erhalten würden. Sie empfanden Stolz!

Nachdem sich der Vertreter wieder gefasst hatte, griff er ein letztes Mal in den Zylinder und zog eine kleine Flöte hervor. Leise begann er darauf zu spielen – und zu Melodie und Takt eines uralten Liedes standen der Reihe nach die neun Bauern auf und folgten dem Vertreter. Sie hatten sich nunmehr „freiwillig entschlossen“, ihm zu folgen, ein jeder aus seinem besonderen Beweggrund.

Einem gefiel der Gedanke, endlich einmal als „fortschrittlich“ zu gelten und nicht mehr nur als „dummer Bauer“.

Den zweiten Bauer trieb die Gier nach Geld und Gut und Förderungsmitteln, denn er hatte gehört, dass man sogar fürs Nichtstun und für brachliegende Felder bezahlt bekam.

Der dritte Bauer wollte nicht zugeben, dass er kaum etwas vom Kauderwelsch des Vertreters verstanden hatte. Er machte mit, weil die Mehrheit immer Recht hat.

Der vierte Bauer hatte eine große Familie zu ernähren. Ihn trieb die Angst um, wirtschaftlich Schiffbruch zu erleiden und das Wort „Abhängigkeit“ klang in seinen Ohren eher wie ein Versprechen denn als Drohung.

Der fünfte Bauer wollte schon lange der ganzen Welt beweisen, vor allem seinen Eltern, dass er zu „etwas“ taugte. Selbstzweifel trieben ihn in die Arme des Vertreters.

Der sechste Bauer vertraute blind jeder Form von „wissenschaftlicher Erkenntnis“ und hatte schon als kleines Kind aufgehört, auf die innere Stimme zu hören, die uns alle retten würde.

Der siebte Bauer hatte sich vom autoritären, selbstgewissen Auftreten des Vertreters beeindrucken lassen. Es konnte sich einfach nicht irren, wer den Mut hat, eine solche Show abzuziehen.

Der achte Bauer folgte dem Vertreter, weil er Angst hatte, allein dazustehen, und die Fragen des zehnten Bauern waren ihm zu frech und respektlos erschienen, als dass er sich vorstellen konnte, „so jemanden“ als Wegbegleiter zu erwählen.

Der neunte Bauer folgte dem Vertreter, weil ihn der Klang der Flöte völlig verzauberte. Er dachte sich: „So wunderschön! Wer so musiziert, ist gewiss meines Vertrauens würdig, denn mit Musik verleiht sich eine gute Seele Ausdruck.“

ZehnterBauer_Bild02Der zehnte Bauer blieb sitzen und sah den anderen Neun und dem Vertreter nachdenklich nach. Dann stand er auf, kehrte auf seinen Hof zurück, und fuhr fort, nach natürlichen Methoden sein goldenes Handwerk zu betreiben. Früchte und Gemüse anzubauen, die alle Kraft einer gesunden Erde in sich trugen. Echte Mittel fürs Leben, die den Menschen gesund erhalten und gesund machen. Unterstützt von den guten Gedanken der Menschen, die seine Arbeit zu schätzen wissen – von den zehn Familien im Tal, die sich entschieden hatten, sich nur noch bei ihm zu versorgen. „Und wenn morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Baum pflanzen.“

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie wollen dem zehnten Bauern helfen? Nichts, aber auch gar nichts ist einfacher als das. Denn mit jeder einzelnen Entscheidung im Alltag über das, was bei Ihnen auf den Teller kommt, helfen Sie entweder dem zehnten Bauern und sorgen dafür, dass es Bauern wie ihn auch in Zukunft gibt. Oder Sie entscheiden sich für eine andere Zukunft, von deren Vorboten wir jeden Tag in der Zeitung hören. Und längst am eigenen Leib spüren müssen. So sehen nämlich die Alternativen aus. Sie haben es in der Hand.

„Das Märchen vom zehnten Bauern“ haben wir oft unseren Antworten auf Leserzuschriften zum Thema „Stand der heutigen Landwirtschaft“ beigefügt. Zwischen dem Erscheinen unseres ersten Buches „Vom richtigen Zeitpunkt“ 1991 und 2001 hat sich die Zahl der Bio-Bauern im deutschsprachigen Raum verzehnfacht. Wie wir erfahren haben, hatten das Buch und dieses Märchen ihren Anteil daran.  www.paungger-poppe.com – das ist die Werkstatt, in der diese Geschichte entstanden ist – und viele mehr.

Quelle und Original: Paungger-Poppe | Das Märchen vom zehnten Bauern
Der Karfreitagsgrill-Weckdienst bedankt sich herzlich für dieses Märchen, das gar keines ist.

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